Tiere richtig halten

Gedanken zur Änderung der Richtlinien zur Hundehaltung in der Schweiz
Ein Schreiben von Clarissa von Reinhardt an das BVET


animal learn Nachfolgend veröffentlichen wir ein Schreiben, das Clarissa von Reinhardt an das BVET (Bundesamt für Veterinärwesen - Schweiz) geschrieben hat. Clarissa von Reinhardt ist Begründerin der animal  learn-Schule und eine der führenden Hundeexpertinnen in Deutschland. Hier ihre kritischen Gedanken:

Clarissa von Reinhardt ...
Von Schweizer Hundeexperten wurde ich auf ... die geplanten Gesetzesänderungen bezüglich der Hundehaltung in der Schweiz aufmerksam gemacht. Wenn es auch grundsätzlich zu begrüßen ist, nach einheitlichen Richtlinien zu suchen, die das Zusammenleben von Mensch und Hund - zu beider Wohl (!) - vereinfachen, so haben sich doch in diese Broschüre eklatante fachliche Fehler eingeschlichen, die dringend einer Überarbeitung bedürfen, um dieses Ziel auch erreichen zu können.

Ich habe Ihnen im Folgenden eine grobe Übersicht zusammengestellt:

Es wird behauptet, dass Hunde einen "dominanten Rudelführer" brauchen, da sie sich sonst selbst als Chef fühlen. Diese Behauptung ist nach den wissenschaftlichen Forschungsergebnissen der letzten zehn Jahre nicht haltbar. Der Amerikaner Prof. Dr. Mech, der wohl bedeutendste Wolfsforscher unserer Zeit, der als einziger über einen Zeitraum von mehr als 45 Jahren freilebende Wölfe studierte, konnte schon 1998 beweisen, dass die Struktur eines Wolfsrudels viel mehr dem einer Familie, als dem einer linear hierarchisch geführten Rangordnung entspricht.

"Das typische Wolfsrudel sollte daher als eine Familie mit erwachsenen Elterntieren angesehen werden, bei der die Elterntiere die Aktivitäten der Gruppe lenken. Die Führung der Gruppe wird durch ein System der Arbeitsteilung untereinander aufgeteilt. Das Muttertier führt bei Aktivitäten wie der Jungenaufzucht und -verteidigung, während der Vater hauptsächlich bei Aktivitäten wie der Jagd, der Nahrungsbeschaffung und der damit verbundenen Wanderungen führt ..."

Er stellte weiterhin fest, dass die meisten Studien an Wölfen in Gefangenschaft durchgeführt wurden, was die Beobachtungsergebnisse massiv in Frage stellt. Schließlich würden wir auch nicht Menschen unter den besonderen Lebensbedingungen im Gefängnis beobachten, um das Sozialverhalten von Menschen im Allgemeinen zu verstehen, da das begrenzte Raumangebot und mangelnde Beschäftigung zu gesteigertem Aggressionspotential führt.

Prof. Ray Coppinger, der sich in seinem mehrfach ausgezeichneten Buch "HUNDE – Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden" mit der Domestikation des Hundes auseinandersetzte, stimmt dem zu und ergänzt weiterhin, dass "... Hunde eben keine Wölfe seien und dass die Forscher, die immer wieder wölfisches Verhalten zitierten um hündisches Verhalten zu erklären, nur unter Beweis stellten, dass sie beide Tierarten nicht verstanden hätten". Denn obgleich man gesichert davon ausgehen kann, dass der Hund vom Wolf abstammt, haben sich im Zuge der Domestikation gravierende Veränderungen im Wesen genetisch fixiert.

Der Kanadier Dr. James O'Heare hat seine Doktorarbeit über die Dominanztheorie geschrieben und dabei festgestellt, dass es mehr als 17 verschiedene Dominanztheorien gibt, die sich teilweise erheblich widersprechen:

Mit anderen Worten: Würde man von einem "dominanten Hund" sprechen, wäre zunächst einmal die Frage zu klären, von welcher dieser Dominanztheorien eigentlich die Rede ist, weil sonst die Gefahr bestünde, dass völlig aneinander vorbei geredet wird.

Zusätzlich konnte O'Heare nachweisen, dass alle Dominanztheorien auf Schjelderupp-Ebbes Theorie über die Futterhackordnung der Hühner zurück zu führen sind, die im Jahr 1922 veröffentlicht wurde. Es gibt bis heute KEINE wissenschaftliche fundierte Studie über das Dominanzverhalten von Hunden, was die Frage aufwirft, auf welches Datenmaterial sich die Experten beziehen wollen, die von einem Streben des Hundes nach Dominanz sprechen.

Dr. Erik Zimen prägte schon in den 1970er Jahren den Begriff der "sozial bedingten Kindlichkeit" des Hundes, die wesentlich geeigneter erscheint, um das Verhältnis zwischen Mensch und Hund in die richtigen Bahnen zu lenken. Er beschreibt ganz richtig, dass Hunde im biologischen Sinne nicht erwachsen werden, da ihnen zwei wichtige Merkmale des Erwachsenwerdens durch die Haltungsbedingungen verwehrt werden, nämlich die eigenständige Nahrungsbeschaffung und die Fortpflanzung. Ebenso wie Mech geht er deshalb davon aus, dass es wesentlich sinnvoller erscheint, eine Führungsrolle im Sinne einer "Elternschaft" statt einer durch Strenge und Dominanz geprägten zu übernehmen.

Viele namhafte Experten haben in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass eine übermäßig dominante und strenge Behandlung des Hundes von diesem nicht verstanden wird, ihn verunsichert und daher die Gefahr von Abwehrmaßnahmen erhöht! Der schwedische Humanpsychologe und  Hundetrainer Anders Hallgren weist in seiner Arbeit "Das Alpha-Syndrom" ausdrücklich auf diese Zusammenhänge hin.

Das in der Broschüre empfohlene häufige und ausführliche Beutespiel (Stöckchenwerfen) mit Hunden erhöht die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Aldosteron, Cortisol und Testosteron und kann in Folge zu gesundheitlichen Problemen und/oder Verhaltensauffälligkeiten führen. Das Buch "Stress bei Hunden", das in neun Sprachen übersetzt wurde und zahlreiche Auszeichnungen erhielt, darunter 2007 den amerikanischen Buchpreis als bestes Hundefachbuch, gibt über diese Zusammenhänge Auskunft.

Ich habe mir erlaubt, Ihnen einige der zitierten Bücher beizufügen und hoffe im Interesse der Sache sehr, dass sich Mitarbeiter des Fachgremiums noch einmal eingehender mit der Materie befassen, bevor Gesetze erlassen werden, die für eines der angesehensten Länder Europas Gültigkeit haben sollen.

Nach Durchsicht der jetzigen Version von "tiere richtig halten" muss davon ausgegangen werden, dass Sie nach veralteten Theorien und laienhaften Meinungen und nicht auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Daten beraten wurden.

Clarissa von Reinhardt
 




zurueck