23. Dezember 2009
Jesse - ein Weihnachtsmärchen, von Birgit Peter
Es ist Weihnachtsabend. Jesse liegt, warm in eine weiche Decke eingekuschelt, in seinem gemütlichen Hundekorb vor
dem Kachelofen und schaut durch das Fenster zu, wie draußen langsam durch den stetig rieselnden Schnee ein weißer
Teppich auf dem Rasen entsteht. Er streckt sich, seufzt genüsslich und rollt sich dann ein. Doch Jesse schläft nicht.
Er denkt zurück an das Weihnachten vor zwei Jahren, an dem sich sein ganzes Leben von Grund auf verändert hat.
Wir drehen die Zeit um zwei Jahre zurück.
Jesse – der damals noch Italo hieß – steht mit zwei anderen Hunden, die mit ihm in einem Gehege leben, an dessen Gitter.
Es herrscht ohrenbetäubender Lärm, verursacht durch das Gebell von hunderten Hunden. Alle diese Hunde bellen, weil
gerade Menschen an den Gehegen entlang gehen. Alle diese Hunde betteln damit um etwas Aufmerksamkeit von diesen Menschen, ein
kurzes Streicheln, ein freundliches Wort. Sie drücken sich an die Zäune, um etwas Zuwendung zu erhaschen.
All diese Hunde sitzen dort, weil Menschen sie nicht mehr brauchen konnten, weil Menschen sie nicht mehr haben wollten oder weil
sie vielleicht auch noch nie eigene Menschen hatten. Sie wurden, teils schon als Welpen, in Müllcontainer gestopft, an einem
Baum angebunden und dort zurück gelassen oder einfach aus dem fahrenden Auto geworfen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten,
sich seines Hundes zu entledigen. Ebenso viele Möglichkeiten gibt es, warum die Hunde entsorgt wurden – sie waren den Menschen zu
alt, zu jung, zu groß, zu schlecht erzogen, haben ein Handicap oder sind vielleicht auch einfach nur schwarz.
Versorgt sind sie dort im Tierheim, sie bekommen Futter, werden tierärztlich betreut und jeder hat eine Hütte, die ihn
zumindest vor dem schlimmsten Wetter schützt. Aber die Seelen all dieser verlassenen Hunde verkümmern, wenn sie nicht
ihren rettenden Engel finden, der ihnen seine Liebe schenkt und so diese geschundenen Seelen wieder dazu bringt, aufzublühen.
Auch Jesse steht an diesem Punkt, sein Seelenfeuer ist am Verlöschen. Er rechnet nicht mehr damit, dass sich seine Situation
jemals grundlegend ändern könnte.
Ist er doch schon, solange er zurückdenken konnte, in diesem Gehege gefangen. Vor vielen Jahren, als er noch ein kleiner Welpe
war, wurde er von einem Mann, vorne im Fahrradkorb deponiert, zum Canile gefahren und dort bei der Tierheimleiterin abgegeben. Die
wollte ihn gar nicht da behalten, da sie den Mann kannte und es unzulässig ist, dort Hunde zu beherbergen, deren Besitzer bekannt
sind.
Als sie aber sah, daß der kleine schwarze Welpe ein verkrüppeltes Vorderbein hatte, nahm sie das kleine Bündel doch
an sich. Es folgten schwere Monate für den kleinen Jesse, das Bein wurde operiert, und da es auch kürzer war als das
andere, musste er monatelang einen Apparat tragen, der im Bein implantiert war, um es zu strecken. All das ertrug der kleine
Hundejunge tapfer.
Damals war er noch ein fröhlicher junger Hund, die Hoffnung in ihm war noch nicht durch den tristen Tierheimalltag erstickt
worden. Aber mit den Jahren wurde Jesse immer ruhiger und resignierte mehr und mehr. Das letzte Jahr kam er oft nicht mal mehr mit
den anderen Hunden ans Gitter, wenn Menschen durchs Canile gingen. Sie kamen ja doch nie zu ihm.
Heute aber ist das anders: Die Leute bleiben vor seinem Gehege stehen und kommen herein. Jesse wird ein Halsband mit Leine angelegt
und er wird aus dem Zwinger geführt. Es geht den Weg im Tierheim entlang, vorne hinaus und er steigt mit zwei Menschen in ein
Auto. Nach langer, langer Autofahrt kommen sie an genau dem Haus an, in dem er jetzt, eingekuschelt in seine Decke, vor dem Kamin
liegt.
Sein Leben hat sich seither gänzlich verändert. Er hat jetzt seine Menschen gefunden und sie kommen ihm auch heute, als er
im Nachhinein so darüber nachdenkt, noch immer wie Weihnachtsengel vor. Immer, wenn er es möchte, ist eine streichelnde
Hand für ihn da. Die Liebe, die er seinen Menschen entgegenbringt, wird erwidert und so hat sich seine Seele erholt. Inzwischen
tobt Jesse bei seinen Spaziergängen glücklich durch den Wald und über blühende Wiesen.
Heute, am Heiligen Abend, denkt Jesse zurück an seine Zeit im Tierheim, an all die anderen Hunde, die dort noch sitzen, deren
Seelen leiden und er hat einen großen Wunsch zu Weihnachten – dass jeder einzelne dieser Hunde SEINEN Engel finden wird, der
die Liebe und das Licht in seine Seele zurück bringt.